Den ersten Sonntag im Februar sind wir in den Flieger nach Madrid gestiegen, mit unseren riesigen Rucksäcken. Zuvor hatten wir uns mit Unmengen an Anti-Durchfall-Pillen, Insektensprays und -lotionen, Sonnenschutz- und Desinfektionsmitteln eingedeckt. In Afrika könnte ja sonst noch etwas passieren. Also von Madrid ging es dann weiter in den nächsten Flieger nach Marrakesch, unserem Ziel.
Mit dem Verlassen des Flughafens (endlich mal eine Stempel in meinem Reisepass, juchhe…), begeben wir uns in eine Horde düster dreinschauender Gestalten, die uns Taxis (die wir nicht sehen können) nahe legen wollen, sie fordern übertriebene Preise und werden, als wir weitergehen, leicht aggressiv. Natürlich sehen wir wenig später den Taxi-Parkplatz und steigen mit eben einer solchen Gestalt in einen alten Mercedes, vier auf der Rückbank einer vorn, das Gepäck wird mit Schnellspannern im Kofferraum gehalten. Angekommen in der Medina, das alte, mehr oder weniger Auto-freie Innere der Stadtmauern, wird uns von allen Seiten Hilfe bei der Hotelsuche angeboten; wir wissen Dank „Lonely Planet“, dass dies den Preis erhöhen könnte, willigen, da orientierungslos, dennoch ein und lassen uns zu unserem (zuvor ausgesuchten) Hotel führen. Unser Riad ist sauber, ruhig und gemütlich. Die Räume sind um eine Art Innenhof mit vier Orangenbäumen gelegen, alles ist mit hellen schönen Kacheln verkleidet, die Räume sind hoch, die Betten weich, die Duschen warm und der Besitzer spricht anständiges Englisch. Alles perfekt. Also zum nächsten Abenteuer, Essenssuche: wenige Minuten zu Fuß von unserem Hotel findet sich ein riesiger Essensmarkt, von dessen Ständen Rauch- und Dampfschwaden aufsteigen. Die Farben, Geräusche und Düfte schaffen eine unglaubliche Atmosphäre. Man betrachtet das offen aufgestapelte Fleisch, Gemüse, Fisch und Obst, hört afrikanische Straßenmusiker. Mit Betreten des Marktes werden wir umlagert von „Kellnern“, die in Englisch und Deutsch ihr Restaurant anpreisen und mit denen man einige Minuten diskutieren muss, bevor sie einen weiter lassen, nimmt man sich die Zeit nicht, wird man mit Flüchen in allen erdenklichen Sprachen bedacht. Wir finden einen Stand, an den sich kaum ein Tourist verirrt hat, aber umso mehr Marokkaner sitzen und essen. Hier haben wir unser erstes marokkanisches Essen, eine dicke Suppe mit Brot, dazu Oliven, danach der legendäre Pfefferminz-Tee aus frischen Blättern. Da Dank islamischer Gesetzgebung und schlechter Sicherheitslage Barbesuche wenig interessant sind, gehen wir früh zu Bett.

Der nächste Tag bringt uns einen Besuch im Basar (Souk), wo wir uns stundenlang von Stand zu Stand handeln, kaufen und ablehnen, versuchen den Touripreisen zu entgehen. Es gibt Gewürze, Tücher, Schuhe, Schildkröten, Kleidung, Obst, Gemüse, Wasserpfeifen und Tongefäße. Danach geht es weiter zu einem der königlichen Paläste, umsiedelt von Storchennestern bietet der Palast einen Ort zum Ausruhen, es ist still und man hat angenehm viel Platz. Die Terrasse bietet einen Blick über die ganze Stadt, deren Mauern ganz in Ocker-Tönen gehalten sind, man kann sehen, wie organisch Marrakesch gewachsen ist.
Am Abend besiegeln wir unser Schicksal für unsere letzten zwei Tage im Westen des Landes: wir buchen eine, wie uns versichert wird, ganz besondere Tour in die Wüste.
Am nächsten Tag steht jedoch zuerst noch einmal Marrakesch auf dem Programm, wir besuchen den Majorelle Garten, einer grünen Oase mit Vogelgezwitscher, die auch das Museum für islamische Kunst beherbergt – leider völlig überlaufen von Touristen. Später geht es weiter zu einem königlichen Mausoleum und abends in den Hammam. Dieses arabische Badhaus ist mit so ziemlich nichts zu vergleichen, was ich zuvor als Bild einer Badeeinrichtung in meinem Kopf hatte. Man betritt eine Art Keller, in dem sich mit Unterhosen bekleidete Männer mit Wasser aus großen Eimern waschen. Die Seife, die man auf dem Basar erwerben kann ist braun, klebrig und nicht gerade wohlriechend. Das Wasser kommt aus einem großen Becken, welches auf eine hohe Temperatur erhitzt wird, das Klima in den Räumen erinnert an eine Dampfsauna, der Boden ist heiß. Ist man mutig genug eine Massage mit zu bestellen, wird man von einem älteren Herren auf dem Boden liegend mit einem Waschlappen abgeschrubbt, bis man die oberste Hautschicht verliert, danach wird man gestreckt und abgespült. Eine Erfahrung. Ich war sicherlich noch nie so gut durchblutet, aber meine Haut war noch Tage später wund und ich will nicht wissen, was sonst schon mit diesem Waschlappen gemacht wurde.
Also nun in die Wüste. Unsere ganz besondere Tour hat sich von unserem kleinen Grüppchen auf zwölf Personen ausgedehnt, wir haben nun zusätzliche schweizerische, deutsche und koreanische Gesellschaft, alle sehr nett, aber nicht das, wofür wir gezahlt haben.
Also ab in den alten weißen Van, Aufschrift „tourisme“, durch die Straßen von Marrakesch, durch eine Steppen-artige Landschaft und dann hoch zum Atlasgebirge.
Wir sehen einzigartige Berglandschaften, sind beeindruckt, dass Menschen dort leben können, atmen Gebirgsluft und erinnern uns an den Film Babel. Zurück in der Ebene essen wir zu Mittag in Quarzazate, das für seine Filmstudios bekannt und daher wohl auch sehr touristisch ist. Wir haben nur wenig Zeit, können nur einen kurzen Blick auf die ockerfarbene Wüstenstadt werfen. Unser nächster Halt ist Zagora. Von dort geht es weiter mit Dromedaren; eingehüllt in Tücher, um uns vor der nächtlichen Kälte zu schützen steigen wir in den „Sattel“. Mein Dromedar hat Schaum vor dem Mund und erweist sich schon beim Aufsteigen als widerspenstig. Während des Ritts – zunächst auf der Straße, dann auf einer Art Feldweg – schert es immer wieder aus, bäumt sich auf. Tiere werden in Marokko ausgesprochen schlecht behandelt. Unser Ziel ist eine Berber Siedlung, die – ganz besonders – sowohl normale Toiletten als auch elektrisches Licht hat. Normale Dörfer sind in Sichtweite. Wir sitzen mit anderen Touristen in einem großen Zelt und essen zu Abend. Danach gibt es ein Berberfest und eine Übernachtung im Zelt, mit dicken Wolldecken gegen die Kälte. Der Sternenhimmel schafft jedoch wirklich eine besondere Stimmung, man kann Galaxien, die Milchstraße sehen, der Himmel sieht aus, wie eine Kosmos Sternenkarte – für mich als Stadtkind mehr als beeindruckend. Zurück geht es wieder mit dem Dromedar oder zu Fuß, ich habe diesmal mehr Glück, meines ist gesund und bequemer.
Fast ohne Pause fahren wir zurück, um am frühen Abend in Marrakesch zu sein. Dort verbringen wir – den Nachtzug verpasst habend – eine weitere Nacht.
Fes ist unser nächstes Ziel. Wir verlassen Marrakesch mit dem Zug um sieben Uhr am Morgen, Vormittag (sechs Stunden) in einem Abteil mit Schlafen, Lesen, Bewundern des Grüns, des Nichts und der Berge, die an uns vorbeiziehen. Die Toilettenspülung ist defekt und dementsprechend sieht es nach stundenlanger Zugfahrt dann auch aus, im Abort. Fes ist, warnt unser Reiseführer, bekannt für seine aufdringlichen falschen Führer. Angekommen finden wir maßgeblich geschlossene Geschäfte vor, scheinbar kein Tag an dem Touristen erwartet werden. Die falschen Führer sind jedoch aktiv, als wir einen Händler nach dem Weg fragen, bekommen wir keine Antwort, werden jedoch von Jugendlichen umlagert, die uns den Weg zeigen wollen (und sich vom Hotel eine Provision erhoffen); wir lassen uns gezwungenermaßen darauf ein und finden uns in einem wunderschönen Riad wieder. Etwas teurer als in Marrakesch, dafür aber auch etwas edler ist unser Schlafraum, schön dekoriert und sauber.
Am folgenden Tag erkunden wir die Stadt, besuchen unter anderem eine Koranschule, in der wir unseren falschen Führer für diesen Tage kennen lernen. Mit Sonnenbrille, Hemd und nach hinten gegeltem Haar führt er uns, in gewöhnungsbedürftigem Englisch, durch Fes. Wir sehen die berühmte Wasseruhr, die Gerbereien, Werkstätten und Gewürzläden, genießen die Aussichten und das gute Wetter. Nachdem wir es geschafft haben, uns von unserem Führer zu trennen, steigen wir in ein Taxi, wie ich (Unwissender) es mir in Indien vorstelle: ein Kleinbus asiatischer Herstellung, dekoriert mit Postkarten, Postern, Tüchern und Pflanzen, exotische Musik, einer von uns muss mit dem Boden im hinteren Teil des Fahrzeug vorlieb nehmen. Wir erreichen den ehemals jüdischen Teil von Fes, der durch seine eigene Bauweise, wesentlich raumgreifender, mit Balkonen und mehr Dekoration ein ganz andere Ausstrahlung hat, als der enge, sehr organisch gewachsene arabische Teil. Wir besichtigen eine Synagoge und sind mehr oder weniger überrascht dort einen muslimischen Führer wiederzufinden, der dem jüdischen Gotteshaus kaum Respekt erweist und dies auch von Anderen nicht erwartet. Die Synagoge ist recht unspektakulär, der Ausblick vom Dach jedoch den Besuch wert.
Fes ist im Vergleich zu Marrakesch sehr hügelig und, da höher gelegen, auch wesentlich windiger und kälter. Die Menschen laufen weniger in traditioneller Kleidung herum, sondern auffällig oft in nachgemachter westlicher Kleidung, so sehen die Bewohner von Fes vielfach so aus, wie man auch ihre Landesmänner in europäischen Städten antrifft.
In Fes teilt sich unsere Gruppe, für mich geht es weiter nach Tangier der Hafenstadt, von der die Fähre nach Spanien abfährt. Nach sechs Stunden Zugfahrt kommen wir in Tangier an, es ist sieben Uhr und dunkel, der Taxi Fahrer bringt uns zum Hafen um uns dann dort zu eröffnen, dass keine Boote mehr fahren und er uns gerne zum Hotel fahren würde. Wir verabschieden uns von ihm und finden auf dem Hafengelände herumirrend noch eine Fährgesellschaft, die um zehn zum spanischen Tarifa fährt, wir entscheiden uns jedoch dagegen, da es um ein Uhr nachts dort sicherlich nicht sonderlich gemütlich ist und die Suche nach Unterkunft sich um diese Uhrzeit auch nicht gerade einfach gestaltet. Also verbringen wir die Nacht in einem Hostel nahe dem Hafen, etwas heruntergekommen aber unschlagbar billig – und da wir ohnehin um fünf aufstehen müssen haben wir keine hohen Ansprüche.
Nach der kurzen Nacht geht es wieder zum Hafen, Tickets kaufen, Dirham überteuert in Euro zurücktauschen (die richtigen Wechselstuben haben natürlich noch nicht geöffnet), lockerer Sicherheitscheck und dann auf die Fähre. Nach Algeciras; Tarifa, der nähere Hafen, wird nicht angefahren, der Seegang ist zu stark. Letzteres merken wir dann auch, als die Fähre sich mit drei Stunden Verspätung in Bewegung setzt; um uns herum sind die Spucktüten in regem Gebrauch.
In Algeciras suchen wir den Busbahnhof und fahren nach Sevilla. Unsere Anfahrt gleicht einer Stadtrundfahrt, leider haben wir zu viel Gepäck und zu wenig Zeit den Ort genauer zu erkunden. Also warten wir auf unseren Nachtbus nach Lissabon, der uns schließlich nach einer Tour durch Südportugal nach Lissabon bringt.
Es ist als wäre man für kurze Zeit in einer anderen Welt gewesen, die Eindrücke sind schwer zu fassen; schön einmal das so andere Leben außerhalb Europas kennen gelernt zu haben. Doch es tut auch gut, wieder das eigene Bett zu haben, nicht über den Preis des Essens verhandeln zu müssen und die Sprache in der Umgebung zumindest einigermaßen zu verstehen.
Für mich geht es noch am selben Tag wieder an die Arbeit, erschöpft von der Reise versuche ich mich im Belustigen der anspruchsvollsten Gäste. Es ist anstrengend immer wieder denselben Jugendlichen gegenüberzustehen, die mit rein destruktiven Interessen den Jugendraum betreten. Ich würde gerne mit ihnen ein normales Gespräch führen, doch das Interesse ist einseitig und meine Sprachkompetenz im Portugiesisch der Straße mehr als begrenzt. Mein Sicherheitsbedürfnis ist nicht vollständig befriedigt; da nicht ausreichend mit den Jugendlichen geredet wird, habe ich das Gefühl, dass wenn ich in Probleme gerate, diese meine Probleme sind und ich mir selber helfen muss. Meine Kollegen fliehen sich in Arbeit, die sie alleine, ohne Jugendliche, tun können; meiner Ansicht nach ist die Situation alles andere als unter Kontrolle.
Doch nun, zur Osterzeit, habe ich Ferienspiele. Rund zehn Kinder kommen täglich, um von 10 bis 17 Uhr unterhalten zu werden. Wir gehen ins Schwimmbad, in den Park, ins Museum, Kino und ins Einkaufszentrum. Nächste Woche folgt Lissabon und Theater. Es ist eine großartige Gelegenheit für die Kinder (ca. 8-13 Jahre alt), einmal aus ihrem Viertel herauszukommen, andere Menschen und Dinge zu sehen. Im Wechselspiel mit der Welt außerhalb des Viertels offenbaren sich auch die Unterschiede; beim Überqueren einer Fußgängerbrücke werden Scherben heruntergeworfen, die Kinder bewerfen sich mit Steinen und im Einkaufszentrum werden unter den kritischen Augen der Sicherheitskräfte Leute angepöbelt; der Umgang ist rau, aber es tut gut zu sehen, dass die Kinder es genießen einmal andere Luft zu atmen. Dennoch bleibt ein komischer Beigeschmack, wenn man mit den Ärmsten Portugals in einen modernen Konsumtempel geht, in dem sie sich wohl kaum etwas leisten können. Hier habe ich auch wieder einmal die Unterschiede in deutscher und portugiesischer Jugendarbeit kennen gelernt; während in Deutschland selbst ehrenamtliche stundenlange Belehrungen über Aufsichtspflicht über sich ergehen lassen müssen, bin ich hier mit der Situation konfrontiert, dass meine beiden Kollegen einfach weggehen und die Kinder alleine lassen, auf dem Spielplatz im Einkaufszentrum; ich könne dasselbe tun, wird mir gesagt, natürlich bleibe ich, da die Sicherheitsleute schon mehrfach verwarnt haben, will ich nicht riskieren, dass die Kinder herausgeschmissen werden oder sich verletzen.
Noch immer bin ich mit meinem Portugiesisch mehr als unzufrieden, daher habe ich mich vor gut drei Wochen für einen Portugiesisch-Kurs an der Uni (das, was die ERASMUS-Studenten machen) angemeldet. Ich bin in einem ziemlich anspruchsvollen Kurs gelandet, fast nur Latinos, die alles mehr oder weniger erfolgreich aus ihrer Muttersprache ableiten können; die anderen Kurse sind zu einfach für mich, hier muss ich wohl ordentlich arbeiten. Der Kurs kostet 200€ und wird nicht vom Centro bezahlt, dennoch haben wir uns alle entschieden einen Kurs an der Uni zu belegen. Leider habe ich durch meine Englandreise (Freunde und Unis besuchen, CouchSurfing erproben, ein Seminar) viele Stunden verpasst, aber Ende des Monats geht es wieder los, gleich mit Präsentationsthemen. Ich bleibe gespannt, ob ich mich dort halten kann.
Verzeiht die lange Sendepause.
Euch allen eine frohe Osterzeit.
Bis bald.
Und guckt euch die Bilder an.