Norden und neues von der Arbeit
Für unsere Film-Dokumentation haben wir uns in den hohen Norden Portugals gewagt. Wir haben in Arcos de Valdeves Höhenluft geschnuppert, einen türkischen Freiwilligen mit Visa Problemen (in einem EU-Programm!) in seiner Jugendherberge besucht und seine Arbeit als Betreuer beim Transport von Menschen mit Behinderungen und im Jugendzentrum kennengelernt. Dann ging es weiter nach Porto, zu einer riesige Institution für Menschen mit Behinderungen. Wir haben mit den Gästen gefilmt, mit den Freiwilligen gesprochen, die Stadt und das nordische Wetter kennengelernt. Weiter nach Coimbra, das „Oxford Portugals“, zu einem Dorf für Waisenkinder- und Jugendliche. Wir haben erfahren, wie es ist, in einer Kommune zu sein, immer präsent, ohne wirklichen Feierabend. Dafür aber auch mit Freiheiten und Möglichkeiten, die ein gutes Leben und ein eigenständiges Gestalten der Arbeit erlauben.
In den vergangen zwei Wochen hat unsere Abteilung (Jugendarbeit) eine Ausstellung der künstlerischen und kunsthandwerklichen Arbeiten, die in den vergangen 10 Jahren in den Jugendzentren angefertigt wurden, veranstaltet. Es gab Workshops zum Malen und zum Papier-Schöpfen. Mit knapp verdoppelter Arbeitszeit haben wir so unsere Zeit in einem städtischen Kulturzentrum verbracht, mit Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderungen Workshops durchgeführt, oder auch einfach nur gewartet (bei Regen verlässt hier kaum jemand sein Haus). Die Arbeit war wesentlich anstrengender, aber auch wesentlich interessanter als im Jugendzentrum. Es ist lustig, die selben Dinge mit verschiedenen Menschen in der Altersspanne von 3 bis etwa 80 zu machen, zu sehen, dass sie trotz allem, was sie unterscheidet oft die gleichen Dinge mögen. Der Unterschied zwischen Kindern aus dem Gebiet, wo wir arbeiten, also maßgeblich Migranten, und Portugiesen aus besserem Hause war für mich sehr interessant. Die Jüngeren aus unserem Viertel sind von den Erzieherinnen gedrillt, von Hause aus oft verstört. Die portugiesischen Vorschulkinder gingen mehr aus sich heraus, sprachen besser, schienen selbstbewusster.
Die Stimmung in unserem Arbeitsteam ist leider etwas gedrückt, nicht zuletzt weil wir Freiwilligen von manchen als die unterste Stufe in der Hierarchie angesehen werden und uns deswegen einen respektlosen Umgang gefallen lassen müssen. Hierarchie ist alles. Mein Mentor, der einen guten Umgang mit uns pflegt, teilt zum Beispiel seiner Assistentin selten etwas vorzeitig mit und bindet sie nie in den Entscheidungsprozess mit ein – als er aus Krankheitsgründen zu Hause bleiben musste, konnte mir niemand irgendwelche Informationen oder Erlaubnisse geben, um etwas zu tun. Wenn man sich überlegt, wie viel Eigenverantwortung Ehrenamtliche in Deutschland haben, erscheint es einem absurd, dass dies hier noch nicht einmal auf professioneller Ebene funktioniert.
Unsere Wohngemeinschaft kann man sich zur Zeit wie eine Jugendherberge vorstellen, allein im April hatten wir rund 10 Gäste. Das ständige Kommen und Gehen bringt zum einen viel Abwechslung und nette Abende, hat aber natürlich auch zur Folge, dass man quasi nie Portugiesisch spricht und viel mehr zu tun hat mit Haushalt und Freizeitgestaltung. Dennoch: Es ist ein gutes Gefühl, wenn Menschen kommen, um einen zu besuchen.
Mein Portugiesisch-Kurs ist nach wie vor schwierig, doch dadurch sprechen wir auch über interessantere Themen und lernen wirklich etwas über die Funktionsweise der Sprache. Eine Sprache wirklich erklärt zu bekommen, anstatt sie nur zu „lernen“, scheint mir der große Vorteil eines universitären Kurses zu sein. Auch die Fortschritte können sich sehen lassen, bald habe ich meine Präsentation über die portugiesische Nelkenrevolution; mal sehen ob meine Sprachkenntnisse dafür schon ausreichen. Ich verständige mich nun an Arbeit und mit meinen portugiesische Freunden fast ausschließlich auf Portugiesisch. Wenn auch alles andere als perfekt, kann man über alles (zumindest langsam) reden und muss nicht bei blödem Small Talk bleiben. Auch in meinem Jugendclub, wo sich die Lage nach einer Krisensitzung mit meinem Mentor merklich gebessert hat, verstehe ich auch langsam, was gesprochen wird. Der Slang, „Calão“, hat für fast alles eine Kurzform oder eigene Ausdrücke; aber ich lasse mir nun von Jemanden, der dort seine Sozialstunden ableisten muss, täglich ein Wort beibringen (im Austausch gibt es Deutsch).
Ich verbringe noch immer einen Tag jedes Wochenendes mit Segeln auf dem Tejo, mittlerweile auch in schnelleren Zwei-Mann-Booten (und nach nasser Erfahrung auch mit entsprechender Kleidung – es ist kalt im Tejo). Durch die viele Arbeit und den Sprachkurs gehen wir weniger abends weg, Konzerte (Fado, The Hives, Primitive Reason – letzteres portugiesisch und gewöhnungsbedürftig) oder Geburtstagsfeiern sind natürlich noch immer den Weg nach Lissabon wert.
Leider fehlt mir Dank anstehender Uni-Entscheidung die Zeit mehr und regelmäßiger zu schreiben.